Strassenkinder...

Letzte Woche habe ich in Ségou ein von der FFL finanziertes Projekt besichtigt, das sich darum bemüht, Strassenkinder wieder in ihre Familien einzugliedern.

Zuerst haben wir das dem Projekt angehörige Heim besucht, indem zur Zeit neun Jungs im Alter von 7 bis 17 wohnen, während die Erzieher mit den Eltern über eine Wiederaufnahme in die Familie verhandeln. Dies ist nicht immer einfach, da die Eltern oft nicht nachvollziehen können oder wollen wieso das Kind weggelaufen ist. Wenn sich diese Gespräche über längere Zeit hinziehen, können die Kinder währenddessen im Heim wohnen, sie werden zur Schule geschickt oder bekommen einen Ausbildungsplatz. Die meisten sind schon etwas länger dort und fühlen sich wohl, wollen jedoch alle irgendwann nach Hause zurück. Auf die Schule wird im Heim viel Wert gelegt, einer der Jungs (im gelben T-shirt) ist Klassenbester und möchte später mal Präsident werden. Sein Kumpel im blauen T-Shirt ist etwas bescheidener und will „nur“ Minister werden, während ein Dritter (im bunten Hemd) Fussballprofi bei Manchester United werden will.
Bevor man die Kinder resozialisieren kann, muss man sie natürlich erst mal erreichen. Dafür gibt es in Ségou ein Centre d’Ecoute, in dem die Kinder schlafen, essen, sich oder ihre Klamotten waschen, fernsehen, Fussball spielen und mit den Erziehern reden können. Viele der Strassenkinder kennen das Zentrum, das schon seit 15 Jahren besteht, und kommen von selbst oder auf Empfehlung von anderen. Zusätzlich fahren die Erzieher zweimal pro Woche nachts durch die Stadt und sprechen die Kinder an. Das ist natürlich nicht ganz unkompliziert. Die Erzieher kennen zwar sie Orte, an denen besonders viele Kinder übernachten, aber es ist nicht so einfach ein Kind zu überreden in einen ihm unbekannten Van zu steigen. Viele der Kinder erkennen jedoch durch die wöchentlichen Fahrten den Bus des Zentrums, oder werden von anderen, die schon mal im Zentrum übernachtet haben, ermutigt einzusteigen. Ein grosser Teil der Arbeit während dieser Fahrten besteht jedoch darin mit den Kindern zu reden, sie auf die Gefahren des Strassenlebens aufmerksam zu machen und nach und nach ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, bis sie sich eines Tages entschliessen mitzukommen.

An dem Abend als wir die Erzieher auf ihrer Strassentour begleitet haben, hatten wir Glück. Wir haben eine ganze Reihe Jungs am gleichen Ort gefunden, von denen einer das Zentrum schon kannte und dabei geholfen hat, seine Kumpels zu überzeugen die Nacht im Sicheren zu verbringen. Viele Kinder kennen leider die Gefahren des Strassenlebens nicht oder wollen ihre Kumpels nicht im Stich lassen und bleiben deshalb auf der Strasse auch wenn sie das Zentrum, in dem man ja gewisse Regeln befolgen muss, kennen. Wir konnten 8 Jungs überzeugen mitzukommen, das doppelte vom normalen Schnitt.
Im Zentrum werden die Kinder sofort registriert und geben eine erste Version ihrer Geschichte an. Diese verändert sich im Laufe der Tage meistens noch, und auch der anfangs angegebene Name ist nicht immer der Richtige. Hat man die richtige Geschichte erst mal zusammen, beginnen die Erzieher nach den Eltern oder Verwandten zu suchen, um die Kinder in ihre Familie zu reintegrieren.
Das Projekt in Ségou ist wirklich interessant, und ich hoffe dass ich nochmal zurück fahren kann, um etwas mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen und mir ihre Geschichten anzuhören.

Anne
 

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