Die Regeln des Spiels...

Das gesellschaftliche Leben in Mali ist durch unglaublich viele Regeln und Traditionen bestimmt, die für einen Aussenstehenden oft schwierig zu überblicken sind. Ich bin schon öfter mit Anlauf und beiden Beinen in’s Fettnäpfchen gesprungen, aber die Malier sind gottseidank sehr nachsichtig Ausländern gegenüber und verstehen, dass jemand der nicht in ihrer Kultur aufgewachsen ist auch nicht alle Regeln kennt.
Einige Sachen sind einfach und werden irgendwann selbstverständlich, wie zum Beispiel Schuhe ausziehen bevor man ein Zimmer betritt und jeden (aber auch wirklich jeden) im Viertel begrüssen (und in Mali ist es nicht mit einem einfachen Hallo getan...). Sobald sie dich sehen fragen Malier dich nach deinem Namen (auch der Verkäufer auf dem Markt) und merken sich den auch. Das führt manchmal zu peinlichen Situationen, weil ich besonders anfangs Mühe hatte mir die für mich ungewohnten Namen zu merken. Wenn man etwas isst, muss man alle Anwesenden einladen mit zu essen. Natürlich ist die Antwort meistens Nein, aber die Frage muss gestellt werden. Männer und Frauen essen übrigens meistens getrennt voneinander, jede Gruppe um eine grosse Schüssel.
Manche Dinge sind etwas schwieriger. In Mali kann man ohne Anmeldung jederzeit bei anderen Leuten zuhause auftauchen, das kann für einen Europäer manchmal etwas anstrengend sein. Freitag abends stand mal eine Freundin mit vollgepackter Tasche vor meiner Tür und verkündete sie würde heute abend mit einem Typen weggehen, aber ihr Vater solle das nicht wissen, weswegen sie sich bei mir fertig machen würde. Die nächsten zwei Stunden hat sie dann mein Bad und Zimmer in Beschlag genommen, während zwischendurch immer wieder ihre Schwestern und Cousinen vorbei gekommen sind um sie zu beraten. Ich konnte nichts anderes tun als zuschauen und lachen. Eine Woche später, an einem Sonntag morgen, wurde ich durch ein Klopfen an meiner Tür geweckt. Ich hab noch total verschlafen aufgemacht und sah eine Freundin von mir, Kady. Was ok gewesen wäre, wenn Kady nicht zwei kleine Mädchen aus der Nachbarschaft mitgebracht hätte. Was auch noch ok gewesen wäre, wenn die beiden nicht plötzlich angefangen hätten zu tanzen und zu singen. Und kleine tanzende singende Mädchen sind zwar sehr süss, aber Sonntag morgens vorm Kaffee sind sie dann doch etwas weniger süss. Aber gut, Gastfreundlichkeit geht in Mali über alles, also lächelt man, bietet was zu trinken und ein paar Kekse an und lernt gelassen zu bleiben.
Viele Dinge werden durch die Religion geregelt. Es gibt kein Schweinefleisch, nur sehr wenige Leute trinken Alkohol, gebetet wird fünfmal am Tag und Freitags geht man in die Moschee. Babys werden genau eine Woche nach der Geburt getauft und verwitwete Frauen müssen eine Trauerzeit von 4 Monaten einhalten, an denen sie das Haus nicht verlassen sollen, auf jeden Luxus verzichten müssen und nur ganz bestimmte Klamotten tragen dürfen. Bei der „kirchlichen“ Hochzeit ist der Bräutigam nur bei der religiösen Zeremonie anwesend, der Rest des Festes ist nur für die Frauen.
Vor der Heirat zusammenwohnen ist sehr ungewöhnlich. Nach der Heirat zieht die Frau zu ihrem Mann, also in’s Haus ihrer Schwiegermutter... dass das nicht immer so einfach ist, kann man sich vorstellen. Der Haushalt wird grösstenteils von den jungen Frauen geschmissen, sei es die junge Ehefrau, die Tochter oder ein Haushaltsmädchen, das sich so etwas Geld für ihre Mitgift verdienen will. Generell hat man jedem der älter ist Respekt zu zollen, eine Mutter soll zum Beispiel nie selbst Tee oder Reis kochen müssen wenn ihre Tochter zuhause ist. Die Männer sitzen meistens rum, sehen fern und trinken Tee.
Die Männer sind in Mali ganz klar das stärkere Geschlecht. Obwohl sie ständig Reden schmeissen in denen sie die Frauen loben und betonen dass man ohne Frauen nie so weit gekommen wär, sind es doch sie die zuhause entscheiden (also ganz anders als bei uns...). Es ist nicht vorstellbar dass ein Mann nachhause kommt und kein Essen auf dem Tisch vorfindet. Er muss nie im Haushalt helfen. Er hat alle Freiheiten, kann weggehen und flirten oder den ganzen Tag mit seinen Kumpels verbringen, während seine Frau zuhause bleibt, auf die Kinder aufpasst und hofft dass er nicht eine zweite oder dritte Ehefrau anschleppt (jeder Mann darf bis zu vier Ehefrauen haben). Das Muster findet man auch schon in den Beziehungen der jungen Leute: der Mann muss zwar der Frau ständig Geschenke machen, sie umschmeicheln und sich kümmern, die Frau muss dafür über jeden ihrer Schritte Rechenschaft ablegen. Das Schema beginnt sich langsam etwas zu lockern, aber noch sind alle doch sehr in ihren Rollen gefangen. Und Jungs, bevor ihr jetzt alle bei der malischen Botschaft anruft um schnellstmöglich ein Visum zu bekommen: die malischen Frauen sind verdammt anstrengend. Ein Mann kommt besser nicht mit leeren Händen, da kann er gleich wieder gehen. Wenn die Frau Nein sagt, kann das alles mögliche heissen, und du weisst besser sofort was sie meint. Die malischen Frauen sind so kompliziert dass ein „Nein, ich werde niemals mit dir ausgehen, wirklich niemals!“ von einem Malier durchaus als „Ja klar, ruf morgen an“ aufgefasst werden kann... das macht es etwas kompliziert tatsächlich Nein zu sagen. Die Frauen sind sehr sehr eitel, ohne Goldschmuck, Schminke und wöchentlich neue Frisur geht man hier nicht aus dem Haus. Und sie reden reden reden den ganzen Tag und sind verdammt laut. Und wenn ich das schon sage...
Manchmal läuft es auch in die andere Richtung, manchmal bin ich etwas erstaunt über malische (Un-)Manieren. Spucken ist normal, genau so wie sich über alle möglichen Krankheiten im Detail zu unterhalten. Jeder kennt die Lebengeschichte jedes anderen und gibt auch gerne ungefragt seine Meinung dazu ab. Man kann zu jemandem sagen dass er ganz schön fett/hässlich/alt geworden ist, und es auch so meinen, ohne dass derjenige daraufhin beleidigt sein darf. Jemanden mitten im Gespräch zu unterbrechen ist normal, Bitte und Danke hört man hingegen nicht so oft. Wenn ich einen Kasten Wasser kaufe, finden es alle ganz schlimm wenn ich den selbst trage, haben aber kein Problem damit mir anzubieten dass das dünne kleine 16jährige Haushaltsmädchen ihn trägt. Eines Tages, als wir in Samankoba gerade Bücher kontrolliert haben, hab ich mitbekommen dass kleine ca. 11jährige Mädchen volle Wasserkanister geschleppt haben, während zwei ca. 17jährige Jungs zugeschaut und Tee getrunken haben...
Ich bitte also jetzt schon um Entschuldigung wenn ich mal vergesse Danke zu sagen, und verspreche dafür, geschätzte 5 Minuten lang ohne Pause Begrüssungsformeln aufzusagen wenn ich Euch das nächste Mal treffe...
 

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