Anna Touré ...

Namen sind in Mali extrem wichtig. Der Nachname eines Maliers verrät dir seine Ethnie, seine Kaste, seinen Beruf und die Region aus der er stammt. Und wenn man längere Zeit hier ist und viel mit Maliern zu tun hat, kann man sicher sein dass man auch einen malischen Namen bekommt. Bei mir ging das ziemlich schnell. Gleich am ersten Abend, noch am Flughafen, wurde Anne zu Anna, da das ein Name ist der auch in Mali existiert und somit einfacher zu merken und auszusprechen ist. Die Frau bei der ich anfangs gewohnt habe heisst mit Nachnamen Touré, also wurde ich zu Anna Touré. So weit, so gut. Ich dachte damit wäre das Thema erledigt.


War es natürlich nicht. In Mali fragt dich jeder mit dem du mehr als 2 Sätze wechselst sofort nach deinem Namen. Sobald du deinen Nachnamen sagst (den malischen wohlgemerkt, Tropikalisierung oblige) geht’s los mit den Kommentaren, denn jeder (der nicht Touré heisst) ist fest davon überzeugt dass dein Name sehr schlecht gewählt ist und dass du besser hättest seinen Namen anzunehmen. Man versucht auch dich zu überzeugen dass die Tourés die Sklaven der [hier Name des Gesprächpartners einfügen] sind und dass du deswegen jetzt besonders nett sein musst... als ob. Über Namen (und Ethnien) gibt es hier genau so viele Klischees und schlechte Witze wie bei uns wenn’s um Belgier, Engländer oder Franzosen geht. Keïta mögen Erdnüsse, die Fofana lieben es sich aufzuregen und zu lästern, die Coulibaly reden viel aber es kommt nicht viel bei rum, etc etc. Diesen ganzen Geschichten kann man entgehen in dem man, wenn’s nötig ist, den Namen wechselt. Wenn wir in’s Mandé fahren nenne ich mich einfach Keïta, da 80% der Leute dort Keïta heissen und sich dann alle freuen. Und ich freu mich dass ich längeren Diskussionen über Keïta vs. Touré aus dem Weg gehe...


Aber eigentlich freue ich mich immer wenn mich jemand nach meinem Namen fragt, weil ich diese Frage auf Bambara verstehe. Wenn ich dann antworte haben sowohl ich als auch mein Gesprächspartner das Gefühl ich würde tatsächlich Bambara sprechen. Bei seiner nächsten Frage ist es damit allerdings für uns beide wieder vorbei, aber immerhin, ein kurzer Moment des Glücks. In meinem Viertel sind die „Toubabou! Toubabou!“-Rufe mittlerweile „Anna! Anna!“-Rufen gewichen, nur leider kann ich mir nicht alle Namen merken, so dass es manchmal peinlich wird.


Sehr beliebt sind auch Spitznamen. Ein Kumpel von mir wird zum Beispiel von allen nur Allemand genannt... weil er so gross ist und alle Deutschen bekanntermassen sehr gross sind (aha). Manchmal wird auch einfach nur der Vorname durch einen anderen Vornamen ersetzt, so dass z.B. Mahmadou von allen Mohammed genannt wird. Wieso das so ist konnte er mir allerdings auch nicht erklären. Eine Freundin von mir nennt mich meistens Fanta Blé, wobei Fanta ein malischer Vorname (keine Ahnung wieso sie mich Fanta nennt) ist und Blé „blass“ heisst (gut, das ist verständlich). Überhaupt geben die Malier gerne Beinamen, die etwas über das Äussere aussagen. Wenn du jemanden hübsch findest hängst du ein Joli an seinen Namen, wenn du jemanden sehr hübsch findest sagst du Jolidé (das heisst dann soviel wie du bist hübsch und deine Mutter ist hübsch und dein Vater ist hübsch). Um zwei Leute mit gleichem Vornamen zu unterscheiden, kann man je nach Hautfarbe ein hell oder dunkel an den Namen hängen. Um ihre Schwestern zu unterscheiden nennt Fatim die mittlere immer die Dicke... auch in deren Gegenwart, das scheint hier niemand krumm zu nehmen.


Es ist hier Brauch, die Kinder nach jemandem zu benennen, der dann auch automatisch so was wie Patentante/onkel (nur ohne Taufe) für das Kind wird. Die COFESFAs haben einige kleine Namensvettern in den Dörfern unseres Projekts rumlaufen, die wir regelmässig besuchen wenn wir in der Nähe sind. Eine der Frauen mit denen wir zusammenarbeiten hat vor zwei Wochen ein kleines Mädchen zur Welt gebracht und sie Anna genannt, ich hab also jetzt so was wie ein Patenkind in Mali. Natürlich hab ich die Kleine auch schon besucht und masslos viele Geschenke mitgenommen und Fatim das Versprechen abgenommen, regelmässig hinzufahren und Fotos zu machen während ich nicht da bin. Klein-Anna ist jedenfalls das hübscheste und bravste Baby Westafrikas und wird mit Sicherheit auch das hübscheste und klügste Mädchen... mit so einem Namen kann ja kaum noch was schief gehen ;).

Anna Touré...euh, Anne Majerus :-)
 

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