
• In den fast 5 Monaten die ich jetzt schon hier bin, geht die Sonne immer um die gleiche Zeit unter, gegen 7 Uhr abends. Mag sein dass es sich um eine Viertelstunde nach hinten verschoben hat, jedenfalls nicht vergleichbar zu dem Unterschied zwischen Januar und Juni bei uns.
• Nach der Heirat ziehen die Frauen zur Familie ihres Mannes, nehmen jedoch eine Mitgift von zuhause mit, die Schmuck, Stoff, Geschirr und Haushaltsgeräte beinhaltet. Diese wird jahrelang von den Müttern zusammengestellt, sobald sie etwas Geld zur Verfügung haben wird ein neues Teil gekauft. Auch Tanten und Omas tragen dazu bei. Deswegen sind auch Söhne in Mali sehr beliebt: sie bleiben ihr ganzes Leben lang zuhause bei Mutti und brauchen keine teure Aussteuer.

• Die meisten Malier sind muslimisch, d.h. sie trinken keinen Alkohol, essen kein Schweinefleisch und beten 5mal am Tag. Dabei ist es völlig egal, wo sie gerade sind oder was sie tun. Ich habe mal einen vollgepackten Bus gesehen, der entlang einer Landstrasse in der prallen Sonne stand während der Fahrer ein paar Meter weiter gebetet hat. Freitags gegen Mittag besuchen alle die Moschee. Wenn wir in den Dörfern unterwergs sind kann es schon mal passieren, dass das Auto und ich unter einen Baum geparkt werden und warten während Fatim und Salif (der Fahrer) eine Dorf-Moschee besuchen. Gottseidank ist der Moschee-Besuch kürzer als die Sonntagsmesse bei uns.

• Malier gehen nicht zu Fuss, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Ein Freund von mir hat es mal fertig gebracht für die hundert Meter von seiner Wohnung bis zum Park den Roller zu nehmen...
• Als Frau darf man seine Handtasche nicht auf dem Boden abstellen, sonst wird man niemals reich.

• In diesem Land werden ständig Konferenzen abgehalten. Die Abendnachrichten auf dem nationalen Sender ORTM sind eine reine Anreihung von Berichten über Konferenzen, sehr selten mal ein Bericht über ein tatsächliches politisches Ereignis, und niemals Berichte aus dem Ausland. Die meisten Leute haben jedoch Kabel, so dass ich durch France24 oder Euronews noch einigermassen über Aschewolken, britische Wahlen und Euro-Krise informiert bin.

• Für jede Lebenssituation gibt es hier ein Sprichwort. Mein Favorit: „A défaut de sa maman, on tête sa grand-mère“ (Wenn man keine Mutter hat, dann nuckelt man halt an der Grossmutter). Das wird ständig benutzt, und bei den Arbeits- und Lebensbedingungen hier ist es meistens durchaus treffend.
• Es gibt ein Postamt und eine Päckchenannahmestelle in Bamako, und das war’s. Kein Briefträger, keine Briefkästen, keine Postleitzahlen.
• Als wir den Film über die COFESFA gedreht haben, hat Thierry die Gelegenheit genutzt einige Fotos afrikanischer Familien zu schiessen. Er hat drei Familien gebeten, sich vor ihrem Haus aufzustellen. Statt Mutter, Vater und Kinder standen plötzlich sämtliche Onkels, Zweitfrauen und Cousins mit vor dem Haus... der Begriff „Familie“ wird hier ganz anders ausgelegt. Eine meiner Arbeitskolleginnen, Ami, wohnt mit 40 Mitgliedern ihrer Familie zusammen, dazu gehören die Zweitfrau ihres Mannes, dessen kleine Brüder und deren Familien. Im Bericht über mögliche neue Dörfer für das Projekt 2011 – 2013 findet man den Satz: „ Die Gesamtbevölkerung des Dorfes beträgt 468 Einwohner, aufgeteilt auf 14 Familien.“ Macht also knapp 33.5 Mitglieder pro Familie... da soll nochmal jemand sagen ich käme aus einer Grossfamilie.

