Weibliche Beschneidung...

Diesmal geht's um ein etwas schwierigeres Thema, deswegen ist der Post auch ein bisschen länger geworden. Die Fotos hab ich im Internet geklaut, wobei ich versucht habe, weder geschmacklose noch weichgespülte Bilder zu finden.

Laut Weltgesundheitsorganisation werden jedes Jahr weltweit 2 Millionen junge Mädchen beschnitten (also ca. 6000 pro Tag). Mali zählt zu den Ländern in denen dieser Brauch noch sehr verbreitet ist: 85% aller malischen Frauen sind beschnitten. Obwohl es fast alle Frauen der Bevölkerung betrifft, ist die weibliche Beschneidung in Mali ein riesiges Tabu-Thema, und die wenigsten Leute sind richtig informiert. Dies macht es schwierig, dagegen anzukämpfen.
Es gibt in Mali, im Gegensatz zu seinen Nachbarländern, kein Gesetz das die Beschneidung verbietet. Allerdings ist es verboten, in Gesundheitszentren Beschneidungen vorzunehmen, und das sozio-sanitäre Personal darf nicht entsprechend ausgebildet werden. Die Beschneidung wird also von den Exciseuses (von Excision – weibliche Beschneidung) vorgenommen. Der Beruf der Exciseuse vererbt sich von der Mutter an die Tochter, eine Ausbildung dafür gibt es natürlich nicht.

Früher wurden die Mädchen im Alter zwischen 10 und 14 Jahren beschnitten. Alle Mädchen einer Altersgruppe wurden gleichzeitig zur Exciseuse gebracht. Vor der operation wurde ein grosses Fest gefeiert, an dem die gesamte Dorfbevölkerung teilnahm Den Mädchen wurde gesagt dass sie bald richtige Frauen seien, und dass sie tapfer sein müssen und nicht schreien dürfen. Was genau mit ihnen passieren würde, wussten sie vorher nicht, nur dass es ein wichtiger Schritt in ihrer Entwicklung zur Frau sei. Mittlerweile werden die Kinder immer früher beschnitten, viele schon als Babys kurz nach der Geburt, so dass die Zeremonie meistens wegfällt. Die Kinder werden zur Exciseuse gebracht, wo sie, ohne Anästhesie und oft auf dem Fussboden neben der Toilette, operiert werden. Die Hygienebedingungen sind schlecht, und die Operation wird mit herkömmlichen Rasierklingen oder rostigen Messern durchgeführt. Dabei müssen zwei Erwachsene das Kind festhalten, das natürlich schreit und sich wehrt. Durch die Bewegungen des Kindes und den Mangel an ausreichendem Licht kommt es vor, dass die Exciseuse zuviel oder falsch abschneidet, so dass die Beschneidung schlimmer ausfällt als geplant.

Es gibt insgesamt vier verschiedene Typen von Beschneidung. Typ I besteht darin, die Klitoris zum Teil oder ganz zu entfernen. Bei Typ II werden zusätzlich zur Klitoris auch die inneren Schamlippen entfernt. Bei Typ III werden alle externen Genitalorgane entfernt und die Vaginalöffnung teiweise zugenäht. Unter Typ IV versteht man alle anderen möglichen Genitalverstümmelungen. In Mali sind alle 4 Typen vertreten, am verbreitesten ist jedoch Typ II.
Die weibliche Beschneidung hat sowohl physische als auch psychische und sozio-ökonomische Folgen. Direkte Folgen sind natürlich unglaubliche Schmerzen und grosser Blutverlust. Oft kommt es zu Infektionen, da die Beschneidung in einem nicht sterilen Umfeld durchgeführt werden. Diese Infektionen können ernsthafte Spätfolgen, wie zum Beispiel Unfruchtbarkeit, mit sich bringen. Urin- oder Blutstauung sind häufige Nebeneffekte, die wiederum zu Infektionen führen können. Die Narbenbildung verläuft oft nicht reibungslos und kann zu Geschwülsten und schmerzhaften Sexualkontakten führen. Die Geburt wird durch die verkleinerte Vaginalöffnung und deren Verlust an Elastizität zu einer schmerzhaften und gefährlichen Angelegenheit für Mutter und Kind. Beschnittene Frauen verlieren ausserdem sehr viel mehr Blut bei der Geburt als unbeschnittene Frauen. Auch Zysten, Tumore, Blasen- oder Darmdurchbrüche treten als Folge weiblicher Beschneidung auf. Es ist jedoch oft schwierig, genaue Zahlen für diese Folgeschäden zu nennen, da viele Frauen sich schämen und nicht über dieses Thema reden wollen, aus Angst von ihrer Familie verstossen zu werden.

Durch das Entfernen der Klitoris verlieren die Frauen ihre sexuelle Empfindlichkeit. Viele Frauen empfinden keinerlei Erregung oder Lust mehr und können den Sexualakt nicht geniessen. Dies führt zu Gefühlen von Unzulänglichkeit, permanenten Angstzuständen, Depressionen, Frigidität und Konflikten in der Ehe bis hin zur Scheidung. Schlussendlich kommen noch die erhöhten Kosten für sowohl die Beschneidungszeremonie als auch die Behandlung der Langzeitfolgen hinzu, die für die sowieso schon am Rande der Armut lebenden Familien fast untragbar sind.
Trotz dieser vielen schädlichen Folgen für Frauen wird die Beschneidung in Mali aus verschiedenen kulturellen, religiösen und sozialen Gründen aufrechterhalten.

Einige malische Ethnien sehen die Klitoris als männlichen Teil des weiblichen Sexualorgans. Dieser muss entfernt werden, um die Frau reinigen und ihre weiblichen Qualitäten zu verstärken. Das soll also dazu führen, dass das Mädchen fügsam und gehorsam wird. Die weibliche Beschneidung wird als ein Übergangsritual auf dem Weg zur Frau angesehen, darauf ausgelegt das Mädchen auf seine Rolle als Frau und Mutter vorzubereiten und ihm beizubringen, die Schmerzen der Entjungferung und der Geburt zu ertragen. Die Mädchen erhalten zusätzlich eine spirituelle und moralische Erziehung und werden nach dieser Initialisierung als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft angesehen. Mittlerweile wird die Beschneidung jedoch schon in sehr jungem Alter durchgeführt, so dass sie ihren symbolischen Charakter verloren hat.

In Mali, einem sehr muslimisch geprägten Land, werden zudem öfters religiöse Gründe vorgetragen um die weibliche Beschneidung zu verteidigen. So soll eine unbeschnittene Frau unrein sein, und deswegen nicht beten dürfen. Man findet jedoch keinerlei Rechtfertigung hierfür im Koran, und die am streng religiösesten Ethnien des Malis, in den nördlichen Regionen, beschneiden ihre Frauen gar nicht oder kaum.
Zusätzlich zu diesen traditionellen und religiösen Auslegungen kommen noch eine ganze Reihe soziale Gründe dazu.
In Mali ist es vor allem abhängig von der Ethnie ob ein Mädchen beschnitten wird oder nicht. Die Beschneidung ist damit ein wichtiger Teil der kulturellen Identität gewisser Stämme. Eine unbeschnittene Frau kann schnell zur Aussätzigen werden: das Bambara-Wort für „unbeschnitten“ heisst „bila-koro“ und gilt als sehr schlimmes Schimpfwort.
Ein sehr oft von Männern genannter Grund für die weibliche Beschneidung ist der Gedanke, dass eine Reduzierung der weiblichen Empfindlichkeit dazu führt, dass Ehefrauen ihren Männern treu bleiben, und Mädchen nicht vor der Hochzeit entjungfert werden. Es kann für eine unbeschnittene Frau in einer traditionellen Gesellschaft sehr schwierig werden, einen Ehemann zu finden. Im Fall einer Typ III-Beschneidung, also bei zugenähter Vaginalöffnung, werden Frauen erst für ihre Hochzeitsnacht „geöffnet“, so soll die Ehre der Familie bewahrt werden.
Oft werden hygienische und ästhetische Gründe genannt. Die externen Genitalien der Frau werden von manchen Ethnien als hässlich und unrein angesehen, besonders die Typ III-Beschneidung soll sie reinigen und verschönern. Manche glauben dass durch die Beschneidung die Geburt erleichtert und die Fruchtbarkeit der Frau erhöht wird.
Es sind oft die Frauen, die auf die Beschneidung ihrer Töchter bestehen. Gerade sie, die die Schmerzen und die Folgen der Beschneidung kennen, setzen sich am meisten dafür ein. Sie beharren dabei darauf, dass sie dies nur im Namen ihrer Töchter tun, um diesen ein Leben in Scham und Einsamkeit zu ersparen. Ausserdem hätten sie selbst es ja auch mitgemacht und es wäre ja alles gut gegangen. Einer der gründe hierfür ist sicherlich dass die Frauen nicht über die Folgen der Beschneidung reden, sondern das mit sich selbst ausmachen. Oft weiss nicht mal der Ehemann, was die Frau durchmacht. Dadurch wird es undenkbar, diese Folgen laut als Grund für eine Nichtbeschneidung der Tochter zu nennen. Ausserdem will niemand die erste sein, die mit der Tradition bricht und sich gegen ihre Familie stellt. Oft ist es nicht die Mutter, die das Kind zur Exciseuse bringt, sondern eine Tante oder Grossmutter, da die wenigsten Mütter die Schmerzensschreie ihrer Töchter ertragen können.
Es ist sehr schwer, gegen diesen Brauch der weiblichen Genitalverstümmelung anzukämpfen, da er sehr tief in der Identität vieler Afrikaner verwurzelt ist. Letzte Woche habe ich mich mit Frau Sylla Habibatou Diallo getroffen, einer Ärztin die ihre Doktorarbeit über das Thema geschrieben hat und jetzt in einer malischen NGO arbeitet, der ASDAP (Association de Soutien au Développement des Activités de Population), die gegen weibliche Genitalverstümmelung kämpft. Viele Organisationen, die in diesem Bereich arbeiten, müssen sich vorwerfen lassen, westliche Moralvorstellungen auf Kosten afrikanischer Identität durchsetzen zu wollen, da sie von westlichen Geldgebern finanziert werden. Ein Animateur kann nicht einfach in ein Dorf marschieren und dort eine Sensibilisierungskampagne durchführen. Es ist wichtig, dass die Bevölkerung ihn kennt und Vertrauen aufgebaut hat, und dass der Animateur die Gebräuche des Dorfes kennt und weiss, wer die Entscheidungen bezüglich der Beschneidung trifft (die Männer oder die Frauen). Da es sich um ein sehr sensibles Thema handelt, muss man sich langsam herantasten und kann es nur in kleinen Gruppen ansprechen, um den Leuten etwas die Scheu zu nehmen.
Viele Leute weigern sich, dem Animateur zu glauben. In Mali gibt es viele private Radio-Stationen, bei denen jeder sich eine Stunde Radiozeit kaufen kann. Dies nutzen viele Reaktionäre, um ihre Meinung und Fehlinformationen über die Beschneidung zu senden. Da die meisten Dorfbewohner nicht lesen können und keinen Zugang zur Elektrizität haben, fallen Zeitung, Fernsehen und Internet als Informationsquelle weg. Alles was sie durch ihre kleinen batteriebetriebenen Radios hören, wird somit als bare Münze genommen. Fotos von Spätfolgen wie riesigen Zysten werden als Montage abgetan, und die ganze Sensibilisierungskampagne als Verschwörung der Westmächte. Organisationen, die gegen die Beschneidung kämpfen, brauchen viel Geduld, Zeit und Geld, da es Jahre dauern kann bis eine Dorfgemeinschaft umdenkt. Währenddessen darf man kein einziges Mal locker lassen, da sämtliche Zweifler sonst sofort wieder in alte Muster zurück fallen.

Im April sorgte ein Artikel für Aufmerksamkeit, der beschrieb wie ein 26jähriges Mädchen aus Bamako sich kurz vor ihrer Hochzeit heimlich hat beschneiden lassen, weil sie Angst hatte, nicht alle Anforderungen zu erfüllen. Sie hat weder ihrer Mutter noch ihrem Verlobten Bescheid gesagt, und hat sich auch nicht getraut etwas zu sagen als sie immer stärker anfing zu bluten. Sie ist schlussendlich verblutet. Dieses Mädchen war gebildet und lebte im Jahr 2010 in einer Grossstadt mit genügend Krankenhäusern und Gesundheitszentren um sie adäquat zu versorgen. Sie ist also nicht aus Unwissen gestorben, sondern weil sie sich nicht getraut hat mit jemandem darüber zu reden. Viele Leute reagierten geschockt auf den Artikel, doch einige behaupteten auch, dies sei alles erfunden um gegen die Beschneidung anzukämpfen, und in Wahrheit könne so was nicht passieren. In Mali ist ein Gesetz gegen die Beschneidung vorgesehen, doch bevor dies angenommen werden kann, muss eine riesige, landesweite und lang anhaltende Sensibilisierungskampagne gestartet und ein ganzes Volk zum Umdenken gebracht werden.
Wie viele andere habe auch ich vor ein paar Jahren Waris Dirie’s Wüstenblume gelesen (und vielleicht haben sie auch den film   "Fleur du désert" gesehen) und bin so zum ersten Mal mit der Realität der weiblichen Beschneidung konfrontiert worden. Es ist jedoch nochmal etwas ganz anderes, zu wissen dass alle meine Arbeitskolleginnen und die meisten meiner Freundinnen und Nachbarskinder davon betroffen sind. Eine Bekannte von mir wollte ihre Tochter nicht beschneiden lassen, und ihr Mann hat sie in dieser Entscheidung unterstützt. Als die beiden eines Tages von der Arbeit nachhause kamen, fanden sie eine weinende und blutende Tochter vor: die Grossmutter hatte die Abwesenheit der Eltern genutzt und das Mädchen heimlich beschneiden lassen. Dies ist leider kein Einzelfall: selbst wenn junge Eltern sich dazu entschliessen, ihren Töchtern diese Qual zu ersparen, so warten die Grossmütter einfach nur ab bis beide Eltern weg sind, und lassen die Mädchen dann auf eigene Faust beschneiden. Eine meiner Arbeitskolleginnen hat ihre erste Tochter beschneiden lassen, hatte aber bei der zweiten ihren Mann soweit umgestimmt, dass auch er gegen die Beschneidung war. Die Grossmutter, die in einer anderen Stadt wohnt, musste jedoch angelogen werden, da sie sonst alles in Bewegung gesetzt hätte um das Mädchen beschneiden zu lassen. Einen anderen Grund als „Das ist Tradition, das wurde schon immer so gemacht und du hast es ja auch überlebt.“ gibt es dabei für sie nicht...
Falls sich jemand noch weiter für das Thema interessiert:

* Einen Artikel, der vor zwei Wochen in Mali erschienen ist und für die Erhaltung afrikanischer Bräuche, insbesondere der Beschneidung, spricht, findet man hier (auf französisch): Circoncision, excision, mariage : « Nous devons faire échec aux agressions occidentales »  Circoncision, excision, mariage : « Nous devons faire échec aux agressions occidentales

* Der Blog eines somalischen Models zum Thema weibliche Beschneidung blog eines somalischen Models
 

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